Memento

Im Gedenken

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Die Lawine von Galtür

 

Ein Bericht von:

MR Dr. Walter Köck

1922 - 2011

Vorspiel: 

 

Seit dem 6. Februar ist das Paznaun gesperrt, in kleineren und größeren Zwischenräumen ausgenommen. Höchste Lawinengefahr ist gemeldet. Dies bestätigt sich: am 12. Februar liegen zwischen Mathon und Kappl die meisten Lawinen, die wir kennen, im Tal bzw. auf der Straße. Die Gäste werden unruhig, ein Gratis-Nachtschilauf hebt die Stimmung, Hubschrauber bringen Notwendiges, die ersten Gäste fliegen ab. Am 18. 2. gehen Lawinen auf der Sonnseite ab, am 20. 2. kommt eine Lawine vom Gorfen, so groß wie nie, aber ohne Opfer. Außer dem Dorfkern sind in Galtür alle Straßen gesperrt, am 20. und 21. Februar können noch viele in letzter Minute ausfliegen.

Ein Schneesturm beginnt, er hält den ganzen Montag an, am Dienstag Vormittag scheint er nachzulassen, doch nachmittags geht es gleich weiter. Die Nervosität in Galtür steigt, das Tal ist gesperrt, Gäste werden in die Häuser verbannt, ihr Aktionsradius auf das Dorfzentrum eingeschränkt, das viele gar nicht erreichen können. Um abzulenken, veranstalten die Jungen ein Fasstaubenrennen vom Widum herunter auf den Platz. Große Beteiligung mit vielen Zuschauern, es schneit und schneit die Fahrer sind fast nicht zu erkennen, trotzdem allgemeine Heiterkeit.

Um ca. 16.00 Uhr ist die Belustigung zu Ende, die Leute gehen heimzu, zerstreuen sich, da - ein dumpfer Knall -, es wird noch dunkler als es schon ist, in Umrissen sieht man eine große Staubwolke über den Häusern, die sich bald verliert: "Dös ischt a Lahna! ", sagen wir in der Sicherheit unseres Hauses und denken uns nichts Schlimmes dabei, sahen wir doch eine solche schon öfter. Wir haben uns getäuscht, so etwas sah noch niemand: Wir sollten ein Drama erleben, wie es in der Geschichte Galtürs noch keines gab, ein Drama, das nur einen Akt hatte, der insgesamt vielleicht eine Minute, - für die Betroffenen Bruchteile einer Sekunde - dauerte, aber ein Drama mit vielen Schauplätzen werden sollte.

 

Das Ereignis:

 

An diesem 23. 2. 1999 um 16.00 Uhr ging eine Lawine mit unvorstellbarem Ausmaß vom Sonnberg, nördlich des Ortes, ab. Von der Abrissstelle, ca. 2.700 Meter hoch, im ca. 35 bis 40 Grad steilen Gelände des Grießkogls stürzten die Schneemassen immer schneller werdend über die "Weiß Riefi,' und die "Wasserlatara" in einer Breite von ca. 400 Metern gegen Galtür. Eine ungeheure Druckwelle ließ ihre Gewalt ins Unmessbare und ihre Auswirkungen ins Unvorstellbare anwachsen. Die Lawine teilte sich, fuhr über das Haus Elisabeth, das Haus Luggi treffend ins Haus Litzner, Landhaus Walter und mit einem Ast und voller Wucht in die "Schnapfagasse" bis zum Haus Winkl, ein zweiter den Stall des uralten "Peatara Hofes" vernichtend in den hinteren Teil der neuen "Siedlung Frühmessgut", weiter bis zum alten Hof des Reinhard Walter und an das Haus Nikolaus.

Kleinere Nebenäste der Lawine sausten über Haus und Stall von Paul Lorenz, gegen den Stall vom Mentahaus, in die Tischlerei Siegbert Mattle, fuhren über die Feuerwehrhalle Richtung Kirche, einer zerstörte Fensterstock, und Fenster und ein Zimmer des Pfarrhauses, ein letzter vernichtete den neuen Sportplatz, das Clubhaus und drang mit Schneemassen ins Restaurant "Noggolo" ein.

 

Nebenschauplatz: Kirche, Feuerwehrhalle

Um die Kirche herum seien Leute vom Schnee der Lawine bedeckt worden, heißt es bald, Kinder waren darunter, die Haushälterin des Pfarrers liege im Widum, vom Luftdruck schwer verletzt. Helfer mit Sonden rücken aus, befreien einige von oberflächlichem Schnee, graben ein Frau aus, die bis zu den Schultern verschüttet ist.

Die Häuserin wird von Ärzten betreut, ihr Zustand ist ernst, das Leben aber nicht in Gefahr. Die Lawine hat das Fenster samt Stock eingeschlagen, sie damit gegen die Wand geschleudert, ein Waschbecken sollte ihr Lebensretter sein. Hier um den Platz also keine Toten, keine Schwerverletzten.

Die bittere Wahrheit: 

Die ersten Gerüchte wiederholen sich immer wieder, Leute, die dort waren, bestätigen es- im "Winkl", dem westlichen Teil von Galtür, habe die Lawine gewütet, Chaos herrsche dort und Verwüstung. Das "Haus Litzner" sei dem Erdboden gleichgemacht, das "lglu" verschwunden, weitere Häuser schwer beschädigt, die neue Siedlung teilweise zerstört oder ganz zertrümmert. Es gäbe viele Tote, Gäste wie Einheimische, erste Namen werden zaghaft genannt. Und es schneit und schneit, der Wind heult unheimlich und wirbelt den Schnee um Häuser und Dächer und über einen Lawinenkegel, den man vorerst mehr ahnen als sehen kann. Und trotz dieser Guxa" pur, abgeschnitten von jeder auswärtigen Unterstützung, läuft in dieser Nacht eine Rettungs-, Berge- und Betreuungsaktion ab, wie es sie in der Form noch nie gab, die in der Zusammenarbeit von den Galtürern und ihren Gästen einmalig werden sollte, einmalig als Teamwork aller, ohne Stars. Es erwies sich als Glück in der Not, dass sich unter den Herbeigeeilten so viele Profis im Helfen befanden, Gendarmeriebeamte, Bergführer, Schilehrer, Bergrettungsleute, Feuerwehrmänner, Normalbürger und Gäste noch und noch, die sich den Mannschaften anschlossen und bis zur Erschöpfung mitarbeiteten.

 

Einsatzzentrum Schnapfagasse - Haus Winkl:

Bald stellt sich heraus, der Brennpunkt des Geschehens ist das erste Drittel der Gasse, die beim Haus Luggi ihren Anfang nimmt. Das gegenüberliegende Haus Litzner ist nicht mehr da, das Landhaus Walter zerstört, das Haus Luggi schwer beschädigt, auf der Gasse unter dem Schnee Tote und lebend Begrabene. Hier sind viele auf dem Heimweg verschüttet worden. Hugo Walter von den Bergführern, Ernst Salner, Feuerwehr, Gotthard Salner, Bergrettung, und Walter Sonderegger, Pistenchef, übernehmen die Einsatzleitung, formieren Sondierungsketten mit einem, der das Kommando gibt, und schaut, dass gegraben wird, wenn jemand fündig wird, und die Sonde stecken lässt. Sie wissen alle, was sie zu tun haben, suchen vorerst die Straße ab, suchen in den beschädigten Häusern, auf den Parkplätzen. Zwischen Galtürerhof und Haus Irmgard gab es den größten Erfolg, hier wurden viele geborgen, Lebende und Tote, Gesunde und Verletzte. Etliche verdanken ihr Leben dem Mut von Silvia Kathrein, einer Mutter von 5 Kindern. Ohne schon einmal im Einsatz gewesen zu sein, ging sie mit dem Lawinenhund ihres Mannes bei Sturm und Wind auf den Lawinenkegel und ortete Menschen. Im Haus Winkl die ersten Toten aus dem Dorf. Frau Hildegard Lorenz und ihre Schwiegertochter Edith Lorenz werden aus den Schneemassen in der Küche des Hauses geholt. Wiederbelebung nach dem neuesten Stand der Wissenschaft bringt keinen Erfolg, sie sind tot. Gemeindearzt Dr. Treidl von Galtür richtet nun in der Garage dieses Hauses ein Notlazarett ein, in dem die Schwerverletzten kreislaufmäßig stabilisiert, die Bewusstlosen und fraglich Toten reanimiert und die Verwundeten versorgt werden. Medikamente, Intubationsbestecke und Ambubeutel zur Beatmung wie Schmerzmittel sind genügend vorhanden, sogar ein Defibrillator und ein EKG kommen am Lawinenkegel zum Einsatz. Dieser gleicht immer mehr einem Schlachtfeld unter Trommelfeuer, denn das Wetter verschlechtert sich immer mehr. Trotzdem intensive Suche im Bereich der ganzen Lawine, vor allem aber in obigem Bereich, wo die Chancen am größten sind. Alle Pistengeräte und ein einfacher Schreitbagger sind im Einsatz.

 

Berge, Wasser und Lawinen 

Inzwischen haben die 5 Gendarmeriebeamten erhoben, wieviele Menschen vermisst werden, um 23.00 Uhr sind es noch viele. Christa Kapellner, schwerverletzt aus einer Tiefe von etwa 1 Meter ausgegraben, kommt in das Haus Winkl, erlangt nach einer Stunde das Bewusstsein und kann mit den anderen 6 bis 7 Patienten, die teilweise in der Garage, teilweise in Zimmern liegen, ins Sportzentrum verlegt werden. Eine oberflächlich liegende Frau wird aus dem Schnee herausgeholt, daneben ihr Kind, beide wohlbehalten, der Vater bietet seine Hilfe an; das Kind eines verzweifelten Vaters, der schon eines verloren hat, wird stundenlang reanimiert, bis er schweren Herzens akzeptiert, die Wiederbelebung einzustellen. Eine Art von Hauptverbandsplatz entsteht noch in der Nacht in der Tennishalle des Sportzentrums, aufgebaut und geleitet von deutschen Ärzten, bis Dr. Treidl vom Einsatz zurückkehrt.

 

Einsatzzentrum Schnapfagasse - Galtürerhof:

Frau Sonja Salner, Wirtin im Galtürerhof, zur Zeit des Unglücks im Haus, hört einen lauten Krach, sieht am Parkplatz Autos herumfliegen, ihr Mann Gotthard, im Haus (Haus Luggi) seines Bruders, sieht dort die Schneemassen kommen, Luggi beschreibt sie wie eine riesige blaue Meereswelle. Von hinten dringt Schnee ein, Luggis Frau Helene wird davon verschüttet, mit bloßen Händen rettet Gotthard sie und drei Gäste im Speiseraum. Draußen ein Bild der Verwüstung. Autos, Dachstühle und Ziegel liegen herum, das Licht geht aus, Tote und Verletzte werden ins Haus gelegt. Herbeigebrachte Kerzen und Petroleumlampen erleuchten spärlich eine schaurige Szenerie. Hier richten deutsche Ärzte ebenfalls eine Art Intensivstation ein, versorgen fachkundig und kompetent mit Infusionen und Schmerzmitteln, intubieren und reanimieren, leisten erste Hilfe, assistiert von zwei Krankenschwestern und der Hausfrau. Bis 22.00 Uhr sind die Toten im Leichenhaus, die Verletzten in der Tennishalle.

 

Einsatz Siedlung Frühmessgut:

Mit den ersten Schreckensmeldungen hören wir, dass die neu erbaute und erst seit 2 Jahren bezogene Siedlung im Frühmessgut schwerstens betroffen wäre, vor allem aber, dass noch Menschen in den Häusern seien. Eine fieberhafte Suche noch ihnen zeigt um 19.00 Uhr Erfolg, mit einer Sonde wird Werner Jehle aus Galtür gefunden und nach drei Stunden lebend geborgen. In der Station Winkl erholt er sich rasch und kommt dann auch in die Halle, eine deutsche Ärztin bemüht sich rührend und gekonnt um ihn. Leider fand man die kleine Theresia Ladner in der Nacht nicht mehr, erst am nächsten Morgen wird sie tot geborgen. Paula Zangerle und Tochter Anna Kern, in der letzten Wohnung, entdeckten Mannschaften erst im Laufe des Mittwochs, die junge Bernadette gar erst am Samstag. Alle tot, furchtbar! Detail am Rande: Aus Wohnungen der zerstörten Lawinenhäuser brachten sich Gäste, teils auf abenteuerliche Weise, selbst in Sicherheit. Die erste Nacht, eine Sturmnacht wie sie nur eine "Galtürer Guxa" hervorbringen kann, in der es keiner von uns länger als 1/2 Stunde ausgehalten hatte, ging die Rettungsaktion in völlig geordneten Bahnen vor sich. 22 Lebendbergungen in sechs Stunden, alle Geretteten lebend im Spital sind stolzes Zeugnis für fachgerechtes Retten und die Zusammenarbeit mit ebenso guten Ärzten.

 

Einsatz Haus Litzner:

Diese Pension, in vorderster Front stehend, wurde buchstäblich vernichtet, durch den Luftdruck von innen zerrissen. Keiner der dort Verunglückten hatte die geringste Chance, lebend herauszukommen. Ungeheurer Schnee türmte sich über den Toten, nur mit großen Maschinen kann die Lawine durchackert werden. Abschieben des Schnees mit den Ratracs und Sondieren brachte keinen Erfolg. Das Sondieren erwies sich überall als äußerst schwierig, tauschten doch Teppiche, Pölster u.s.w. trügerisch Kleider und damit Menschen vor, Lawinenhunde witterten Spielsachen und Gebrauchsgegenstände, die in Massen herumlagen. Selbst Laufgräben führten nicht zu den Toten. Am Mittwoch, 11.00 Uhr, bringen Peter Deuschl und Johannes Gastl bei größter Lawinengefahr und gesperrter Straße zwei große Raupenbagger nach Galtür (ein Bravo den mutigen Burschen!!), zwei kleinere werden eingeflogen. Nun kann hier endlich wirksame Arbeit stattfinden. Schichtweise schieben die Bagger den Schnee weg, der vorher sondiert wurde, dreimal müssen dies die schweren Geräte machen, erst in der dritten Lage liegen Leichen, oft weit vom Haus entfernt. Ein Wunder, dass die Leute alle Toten fanden, wegen eines kleinen Mädchens siebten sie den ganzen "Litzner-Schnee" behutsam noch einmal durch. In der Nacht erleuchteten Scheinwerfer eine unheimliche Mondlandschaft und, schwer schuftende Helfer. Die letzten 9 Toten liegen, zum Teil unter Mauertrümmern, beim Landhaus Walter, sie wurden praktisch erschlagen.

 

Mittwoch, 24. Februar 1999:

Wie Musik in den Ohren klang uns allen das Dröhnen des ersten Hubschraubers, der um 6.45 Uhr in Galtür landete und eine Rettungsaktion aus der Luft einleitete, wie es sie in Österreich noch nie gab. Prim. Dr. Koller, der ärztliche Einsatzleiter, mehr oder minder auf ein Chaos gefasst, war sichtlich erleichtert, als ihm Dr. Treidl mit seinem Ärzteteam die Verletzten in gutem Zustand Übergab, die Häuserin war auch dabei. Sie wurden alle von den ersten Maschinen abgeflogen und erreichten gut das Krankenhaus Zams. Wir freuen uns über die Ärzte, das Bundesheer, die Bergrettung, Gendarmerie, Alpingendarmen, das Rote Kreuz und die Hundestaffeln, die nach Galtür geflogen kamen. Tagsüber läuft die größte Hubschrauber-Evakuierung Österreichs an, unsere Geiste können heimfliegen. Landeplätze sind:

Vor dem Sportzentrum: Evakuierung

im Boden: Hilfskräfte

am Lawinenkegel: Einsatz.

Am Abend verschlechtert sich das Wetter, die Maschinen dürfen nicht mehr starten. Der eingeflogene Ausbildungsleiter der Tiroler Bergrettung, Peter Veider, übernimmt die Einsatzleitung. Eine gute Entscheidung, weil sich ihm alle Gruppen, vielfach befreundet, problemlos unterordnen. So herrschen während dem Einsatz Ruhe und Ordnung und guter Kontakt untereinander, ohne Profilierungssucht und Rivalität. Die Gruppen, von ihrer Ausbildung her Spezialisten, freuen sich, dass auch beim Bundesheer neben jungen, unerfahrenen aber fleißigen Rekruten viel erfahrenes Kaderpersonal entscheidend mittut. Die Valzur-Lawine brachte uns neue Aufregung aber auch das "wunder von Valzur', ein fliegerisches Wunder, bei dem ein waghalsiger Pilot ein gerettetes Kind bei Sturm und Unwetter und in fast völliger Dunkelheit nach Galtür zu den Ärzten in die Tennishalle brachte. Am zweiten Tag wurden fast nur mehr Tote geborgen. Die eingeflogenen Ärzte, darunter Spezialisten, betreuten vorzüglich, die Psychologen, bei uns erstmals im Einsatz, trösteten und beruhigten, und unser Pfarrer Louis Attems spendete Sterbesakramente und richtete Verzweifelte auf. Noch in der Nacht, gut vorbereitet und bestellt, kamen mit den Hubschraubern Medikamente, Treibstoff, Lichtaggregate und was sonst nötig war, in reichem Ausmaß. So brachte dieser Tag mit so vielen helfenden Gruppen und Organisationen viel Erfolg: Tote wurden geborgen, Autos ausgegraben, Gebäude abgerissen und Schäden verhindert. Durcharbeiten - Tag und Nacht - wurde zur Selbstverständlichkeit.

 

Donnerstag 25. 2. 1999: 

Bei bestem Wetter und mit straffer Organisation fliegen österreichische und deutsche Hubschrauber mit den Black-Hawk-Großflugzeugen aus Amerika ca. 2000 Leute aus, die Nervosität legt sich langsam. Den ganzen Tag über hören wir das Dröhnen der fliegenden Retter, die über die arbeitenden Gruppen gleiten, die wiederum Tag und Nacht sondieren, graben, bergen, unermüdlich und selbstverständlich; bis Samstag geht es so weiter, dann wird endlich die junge Bernadette als letzte Tote geborgen. Eine Pressekonferenz am Samstag mit zahlreichen Reportern, die erst jetzt kommen durften, sollte Klarheit in vorher teilweise bösartige Berichterstattung bringen. Vorher flog man noch die Toten aus. Am Samstag übernimmt die Feuerwehr Galtür die Gesamt-Einsatzleitung, das Bundesheer schaufelt den Friedhof aus. Am Sonntag, der in ganz Tirol zum Trauertag erklärt wird, verabschiedet sich das Land im Stift Wilten von den Lawinenopfern. Unsere Soldaten heben die Gräber aus und helfen beim Aufräumen und Schneeschaufeln. Das feierliche Begräbnis und die 6 Kreuze, die übrigbleiben, zeigen nochmals, wieviel wir alle verloren haben. Dann der Auftakt: ab 13.00 Uhr beginnen 25 Schwerfahrzeuge, kostenlos zur Verfügung gestellt, mit dem Wegräumen des Gerölls.

 

Zum Schluss: 

Das Lawinenunglück in Galtür ist ein furchtbarer Schlag für die Gemeinde, die Hinterbliebenen und die Einwohner. Wie es im normalen Leben nie möglich wäre, konnte dabei aber eine Gemeinschaft zeigen, was sie, in höchster Not, auf sich allein gestellt, zu leisten imstande ist. Der Einsatz hatte Modellcharakter und war eine medizinische und organisatorische Großleistung, ein Produkt guter Zusammenarbeit unterschiedlichster Organisationen in einem Dorf und des persönlichen Einsatzes. Erfolge will niemand für sich allein einfahren. Zwar viele Tote, aber doch über zwanzig Lebendgeborgene ist die Bilanz. Die Katastrophe rief aber ebenso eine Großleistung an Hilfsbereitschaft von Bund, Land und Bezirk hervor, einen Einsatz von Menschen und Material, wie es Österreich noch nie gesehen hat. Ein lückenloser Einsatzplan, gut organisiert, brachte mit professioneller Technik und persönlichem Mut jedes Einzelnen wirksame Hilfe. Als Feldherren dieser Schlacht bewährten sich Bgm. Anton Mattle und sein Vize Martin Lorenz. Souverän standen sie über dem Geschehen, organisierten, telefonierten, beschwichtigten, ließen sich beschimpfen. Innenminister Schlögl, Landeshauptmann Weingartner, Bezirkshauptmann Koler, erwiesen sich als mächtige Helfer von oben, die Einsatzleiter der ersten Nacht in Galtür und Gesamteinsatzleiter Peter Veider standen ihren Mann als gute Strategen. Als Feldherr des medizinischen Einsatzes erwies sich unser Dr. Fritz Treidl, der mit Ruhe eine Anzahl von deutschen Ärzten zu leiten wusste, und mit ihnen fachgerechte, kompetente und wirksame Katastrophenmedizin betrieb. Etliche andere, auf sich allein gestellt, bewährten sich vorzüglich. Alle sind wir uns einig, dass ohne die vielen Gäste, die uns so selbstlos geholfen haben, Entscheidendes nicht möglich gewesen wäre.

 

In memoriam: Die Toten unseres Dorfes 

In ihrem neuerbauten Reihenhaus Nr. 30 i starben gemeinsam Großmutter Paula Zangerl, geb. 6. 3. 191,4, mit ihrer Tochter Anna Kern, geb. 27.5.1942, und Enkelin Bernadette Kern, geb. 14. 10. 1982.

Frau Zangerl, aus Kappl gebürtig, heiratete in die "Biarcha einen der wenigen sonnseitigen Höfe Galtürs, mitten in lawinengefährdetem Gebiet gelegen, von Hang und Schirmmauer vor ihr geschützt. Dort zog sie ihre große Familie ohne viel Angst auf, denn die häufigen Lawinen nahmen im schlimmsten Fall den Kamin mit. Das größere Problem war, dass bei Lawinengefahr niemand das Haus verlassen durfte. Vom Regen in die Traufe kam die Familie, als sie von der lawinengefährdeten Gegend wegzog und am Rand von Galtür den Gasthof Gemsspitze baute und bewirtschaftete. Hier wurde sie von Lawinen geradezu heimgesucht, kam in höchste Gefahr, verlor beinahe Kinder, musste erleben, dass 2 Kinder (als Gäste im Haus) von Schneemassen getötet wurden. Frau Paula war eine beliebte und geschützte Wirtin, die das Gasthaus gut und mit Liebe führte. Auch Tochter Anna wirkte als Wirtin der Gemsspitze, verkaufte aber nach einigen Jahren und nach einiger Zeit, in einer Wohnung lebend, bauten sie gemeinsam das Haus im Frühmessgut, wo es nach allgemeiner Ansicht absolut lawinensicher war. Es sollte zum Sarg für sie werden. Frau Paula und Tochter Anna trugen das Schicksal langer Krankheit. Enkelin Bernadette, gerade der Hauptschule entwachsen, war es nicht vergönnt, zu einer vollen Persönlichkeit zu reifen, oft ängstlich, aber bemüht, anderen Freude zu machen, suchte sie zaghaft den Weg ins Leben.

 

Die beiden Hüttenwirtinnen der Jamtalhütte, Hildegard Lorenz, geb. 13. 7. 1920, und ihre Schwiegertochter Edith Lorenz, geb. 10. 2. 1965, starben in Schneemassen, die mit unvorstellbarer Wucht in die Küche des Hauses "Winkl" eingedrungen waren. Kurz vorher hatten sie die sichere Stube, in der sie Rosenkranz beteten, verlassen, die Kerze brannte noch, als man sie fand. Auf der Rückseite ihres Andenkenbildes ist das Foto von Schispuren, die zu den Totennadeln im Jamtal führen. Wie oft waren sie, wie oft waren ihre Männer Geführten des Todes in dem Lawinental ihrer Hütte, wie oft haben sie Wanderer gewarnt, sie in den Tod gehen gesehen, wenn sie nicht darauf hörten. Frau Hildegard, geb. Neßler, vom Vorarlberger Brandnertal eingeheiratet, wirkte jahrzehntelang als guter Geist der Jamtalhütte, die sie einmal droben, einmal vom Tal aus betreute. Ihrer Schwiegertochter Edith, geb. Auer aus Neunkirchen, war nur eine kurze Zeit als Hüttenwirtin beschieden, mit ihrer freundlichen Ehrlichkeit und fröhlichen Offenheit werden wir sie gern in Erinnerung behalten. Beide haben ein Stück Geschichte einer Hütte geschrieben, die den guten Namen und die Bekanntheit auch ihnen verdankt.

 

Die sechsjährige Theresia Ladner blieb lieber im Haus, eine Nichtigkeit warf den Würfel über ihr Leben und entschied ihr Schicksal. Ein Sonnenschein für eine von vielem früheren Leid schon geprüfte Mutter, ein Sonnenschein für Vater und Großvater, die sie als einziges Mädchen unter mehreren Buben ganz besonders mochten, schien nie mehr. Die Zurückgebliebenen tragen und trugen ihr Leid im Geist christlicher Trauer, bei der der Tod kein Ende, sondern Anfang ist. Wer darum bittet, der Herrgott möge eine Not lindern, wird kaum erfahren, dass solche Not wirklich gelindert wird, wohl aber, dass er sich selbst wandelt, sodass er sie zu tragen oder mit der Zeit sogar aufzuheben lernt.

 

Ein "Staatsbegräbnis" war der Tragödie letzter Teil, alle sind sie gekommen, die Rang und Namen haben, der Bischof, die Vertreter der Landesregierung, die Spitzen der Behörden und die ungezählte Schar der Galtürer, der Helfer und Organisationen. Bischof, Landeshauptmann und Bürgermeister, dieser am ergreifendsten, sprachen über Trauer, Hoffnung und Wiedersehen.

 

Wir werden noch lange trauern um die Toten des Dorfes und um die Gäste, die bei uns starben. Seither ist in Galtür nichts mehr, wie es war, und es wird auch nie mehr so sein, wie es war, denn uns alle hat die Lawine gewandelt, fest zusammengeschweißt, um Erfahrungen reicher gemacht. Dies und das Gedenken an die Verstorbenen wird uns trotz 31 Gräbern die Kraft geben, mit Gott in eine gute Zukunft zu gehen.

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